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Sommersonnenwende mal anders

Es begab sich am 22.7.2010. Normalerweise rein astronomisch ein recht spätes Datum um Sonnenwende zu feiern. Wir hatten aber bereits am Wochenende eine im kleinen Rahmen hinter uns und nun stand noch eine in der Nähe von Esslingen an, auf dem selben schön gestalteten Grundstück wo wir im Winter zuvor schon einige sehr kalte, aber auch schöne Stunden verbracht haben (wenn ich mich da an den legendären Eintopf erinnere den wir bei -20° tiefgefroren vom Grillrost geholt haben…*g*)
Naja, dieses Mal hatten wir entsprechend weniger Leute erwartet. Also ein schönes Ritual im kleinen Kreis bei einem zünftigen Feuer. Aber wir täuschten uns. Es kam ganz anders.

Das Mädchen mit dem ich hinfahren wollte leidet seit Jahren an einer Krankheit, die in ihr eine schwere Lähmung auslöst. Vor zwei Jahren konnte sie immerhin noch mit Krücken gehen – nun aber sitzt sie im Rollstuhl und ist auf Hilfe hingewiesen. Da sie auch noch in einem Hochhaus mit halbem Aufzug wohnt (der ist ironischerweise nur über Treppen zu erreichen) gestaltet sich das entsprechend schwierig und umso trauriger fand ich es bisher, dass ich nur am Telefon oder Fenster mit ihr reden konnte. Bereits unsere gemeinsame Fahrt zu Ostara war nun daran gescheitert, dass wir vergeblich vor ihrer Haustüre darauf gewartet hatten, nur um dann zu hören dass sie es nicht schafft.
Und dieses Mal war es fast wieder so weit. Trotz enormer Verzögerung stand ich rechtzeitig vor ihrer Haustür und hielt den Atem an. Natürlich hatte sie mir fest versprochen dieses Mal mitzukommen. Und natürlich hatte sie sich wieder sehr schwach gefühlt, kleine Zusammenbrüche und erhöhtes Lähmungserscheinen…man kennt es ja. Nun, nachdem sie mir am Handy sozusagen schon die resignierte Absage erteilt hatte konnte ich sie dazu überreden wenigstens zu ihr hochzukommen und sie nach Jahren mal wieder aus direkter Nähe sehen zu können. Mein erster Gedanke beim Betreten der Wohung war die Erkenntnis, warum sie sich seit Monaten gesträubt hatte Besuch von mir zu empfangen und ein starkes Nachvollziehen ihrer inneren Probleme, denn wenn ich in dieser Wohnung auf Dauer gefangen wäre wie sie es nun ja leider ist, würde ich auch durchdrehen. Also war der Fall klar – sturbleiben und zusehen dass wir wegkommen. Nachdem ich eine Weile ihre Hand gehalten hatte, sie sich hochgestemmt und wir sie mit Mühe und Not die Treppen heruntergeschleppt, konnten wir auf der Straße zwei Leute aufgreifen – laut ihrer Aussage die ersten die sie seit zwei Jahren gesehen hatte – die uns ins Auto halfen. Mein nächster Gedanke wie wir sie auf dem Godenhügel in der Pampa fortbewegen konnten, denn das Gelände ist weder für Autoräder noch Rollstühle sonderlich optimal.
Im Licht der späten Sonne brausten wir dann mit dem VW-Bus über die B27, Menhir, Warduna und Omnia aus dem Autoradio und voller Freude dass wir es endlich mal geschafft hatten. Und die Hauptsache: ich merkte wie sie aufblühte, voller Freude aus dem Fenster blickte und über die kommende Feier sinnierte. Vor allem aber hatten wir endlich mal wieder die Zeit intensiv über alles zu reden was uns bedrückte.
Umso größer die Begeisterung als wir endlich in Esslingen ankamen und uns durch die Außenkäffer wühlen mussten. Dann die Krönung als wir in unserer irrenden Verzweiflung unseren Freund dort anriefen: Niemand da am Gelände – und er selbst natürlich mit Bindehautentzündung daheim. Toll. Und dafür waren wir jetzt eine Stunde unterwegs. Aufgeben wollten wir nicht, aber am Gelände war wirklich niemand, auch nicht als wir schließlich dort ankamen. Enttäuschung machte sich breit. Ich schlug vor zu unserem Freund zu fahren und dort eine Pause zu machen, in der Hoffnung vom Rest doch noch jemand zu erreichen.
Und so aßen wir gemeinsam zu Abend, hörten keltisches Radio und redeten über allerhand, während wir endlich erfuhren dass die Leute mit denen wir feiern wollten an dem Tag zu erschöpft gewesen waren nach ihren Aktivitäten um sich noch auf ein Sonnenfeuer einzulassen. Das Mädchen allerdings wirkte so quicklebendig wie lange nicht mehr und nachdem wir beschlossen hatten, wieder nach Hause zu fahren, packten wir zusammen und gingen zum Auto zurück. Faszinierend war nur dass sie, die vorhin noch wie ein schweres Gepäckstück die Treppen herabgezogen werden musste, nun plötzlich von alleine aus dem Rollstuhl aufstand und zur Verblüffung aller in die Beifahrerkabine kraxelte, quicklebendig und gut gelaunt. So rollten wir mit unserem Bus gemütlich durch die Nacht zurück und als wir daheim ankamen blieben wir bis Sonnenaufgang auf und schließlich brachte ich sie wieder nach Hause bevor ich noch ein paar besinnliche Stunden alleine auf dem Feld verbrachte.
Als ich dann schließlich auf meinem Bett zusammenklappte, wusste ich, dass es, auch wenn die Feier nun ausgefallen war, es mindestens eine Sache gab, für die sich der ganze Aufwand wirklich gelohnt hatte – und diese Sonnenwende die schönste meines Lebens war. Es muss nicht immer ein großes Fest mit Feuer und Riten sein. ;)

„Komm wir fliegen durch die Nacht und lassen unsere Träume rollen.
Wir funktionieren niemals so, wie wir es eigentlich sollen.
Wir respektieren nur unser Gefühl,
unsere Tränen sind unsere Macht.
Und wenn das die Spießer nicht kapieren
verbrennen wir ihnen die Nacht.

Wenn uns unsre Alten fragen, wo wir heute Abend sind,
sagen wir: „Wir sind im 7. Himmel, in der 7. Hölle.“
Vor Freude weint der Wind.“
(AufBruch)




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